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Verfasst am: Sa Dez 29, 2007 10:13 am Titel: Leseprobe |
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2.3 Stilanalyse
Die Stilanalyse ist eine Schlüsselqualifikation literaturwissenschaftlicher
Arbeit. Anders als Kenntnisse
über Gattungstheorie, Dramenanalyse, Erzählanalyse
oder Lyrikanalyse sind Basiskenntnisse
im Bereich der Stilanalyse eine Voraussetzung für
jede professionelle Beschäftigung mit literarischen
wie auch nichtliterarischen Texten. Auf stilanalytische
Kenntnisse ist der Literaturwissenschaftler
ebenso angewiesen wie der Sprachwissenschaftler
oder der professionelle Verfasser und Vermittler
von Texten (Germanist, Journalist, Werbetexter, Literaturkritiker,
Deutschlehrer etc.).
Dennoch hat die Theorie und Praxis der Stilanalyse
seit den 1970er Jahren eine Phase ansteigender
Unpopularität erfahren, vergleichbar zum Beispiel
mit dem philologischen Fach der Metrik. Dies hat
(fach-)geschichtliche Gründe, aber auch Gründe in
der Sache. Zu den Ersteren gehört etwa die Verurteilung
der Stilistik als vermeintlicher Methode der
textimmanenten Interpretation im Kontext der Methodenpolemik
gegen die textimmanente Literaturwissenschaft
der 1960er und 1970er Jahre. In
der sachlichen Debatte über die Möglichkeiten und
Grenzen der Stilanalyse spielte das Argument des
szientistischen Reduktionismus eine besondere
Rolle. Es entzündete sich zunächst vor allem an der
Methode der statistischen Stilanalyse, wie sie zeitweise
in der Linguistik propagiert und praktiziert
wurde. Schon früh äußerten die Anwälte einer
historisch-hermeneutischen Literaturwissenschaft
ihre Vorbehalte gegenüber einer ahistorischen
Quantifizierung von Stileigenheiten (Wortwiederholungshäufigkeiten,
Wortverteilungshäufigkeiten,
Strukturanalogien, Bildung semantischer Felder
etc.). Während statistisch-quantitative Methoden
für die Beschäftigung mit der Gegenwartssprache
und -literatur meist noch toleriert waren, setzte
sich mit Blick auf die Stilanalyse von historischen
Texten die Ansicht durch, dass es weit eher die qualitativen
als die quantitativen Eigenschaften und
Relationen sind, die für deren Literarizität konstitutiv
sind. Der Vorwurf der szientistischen Reduktion
tangierte in der Folge die Stilanalyse überhaupt.
Die Rekonstruktion der zum Teil rivalisierenden
Ansätze und Methoden der Stilanalyse
kann etliche Vorbehalte gegenüber ihrer angeblichen
Eindimensionalität jedoch entkräften.
An die Stelle der Stilanalyse traten in den literaturwissenschaftlichen
Disziplinen seit den 1970er
Jahren vermehrt hermeneutisch-historische oder
auch psychoanalytische Zugangsweisen zur Literatur,
welche die Intentionalität und Kontextsensitivität
von Texten betonten, aber auch deren prinzipielle
Dynamik und Unbestimmtheit. Nur wenig
wurde daher lange Zeit unternommen, um den engen
Zusammenhang zu begründen, der zwischen
der stilanalytischen Methode und der kognitiven
und situativen (d. h. sozialen und kulturellen) Kontextanalyse
auch dann besteht, wenn er nicht eingestanden
wird. Von dieser Entwicklung profitierte
die Linguistik, in der die Hegemonie der Sprache
weder einseitig negiert, noch einseitig verteidigt
wurde. Das Projekt einer pragmatischen Stilanalyse
korrigierte vielmehr bereits früh die literaturwissenschaftliche
Tendenz zur Verabsolutierung der
einen oder anderen Seite. Die pragmatische Stilanalyse
(s. u.) basierte dabei hauptsächlich auf den
Annahmen der Sprechakt-Theorie (von John Austin,
John Searle, Paul Grice und anderen). In ihr
wird Stil als Handlung interpretiert. Einzelne Stilelemente
untersuchte man deshalb vor allem auch
mit Blick auf ihren multidimensionalen und textüberschreitenden
Charakter.
Vorbereitet wurde die Debatte über die texttranszendenten
Möglichkeiten der Stilanalyse demnach
durch Revierkämpfe zwischen Literaturwissenschaft
und Linguistik einerseits, durch den innovativen
Ansatz der linguistischen Pragmatik
andererseits. Auch in den Literaturwissenschaften,
zumindest solange ihnen ein relativ enger Begriff
der Literatur zugrunde liegt (Literatur als ästhetisch
funktionalisierter Text), kann die zentrale Bedeutung
der Stilanalyse heute kaum noch negiert
werden. Die Stilisierung ist und bleibt neben der
Symbolisierung und der Fiktionalisierung die wichtigste
Qualität des poetischen Schreibens. Selbst die
Präferenz für einen erweiterten Literaturbegriff,
wie er die heutige Literaturwissenschaft prägt, bedeutet
nicht notwendig den Verlust des stilanalytischen
Paradigmas. Vielmehr gilt: Stilisierung findet
nicht nur in der Literatur statt, sie ist insofern
ubiquitär, als sie sämtliche Bereiche der menschlichen
Sprach- und Kulturbefähigung durchdringt
(vgl. I.3).
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